Alpiner Hochgenuss in Gröden: Der Langkofel

Ein alpiner Klassiker, eine anspruchsvolle Bergtour, ein wahres Traumziel. Die Besteigung des 3.181 Meter hohen Wahrzeichens von Gröden über den Normalweg

Schwierigkeitsgrad III+ (lediglich zwei Stellen), überwiegend kraxeln im zweiten und dritten Grad, auf dem Papier nur 500 Höhenmeter. Warum der Langkofel dennoch als einer der anspruchsvollsten Dreitausender der Dolomiten gilt ist mir längst bewusst, als ich nach bald vier Stunden äußerst ausgesetzt am Gelben Turm hänge. Über mir: Nur noch wenige Meter bis zum 3.181 Meter hohen Prestige-Gipfel. Unter mir – und zwar exakt 1.027 Meter verdammt senkrecht unter mir: Die Sonnenterrasse der legendären Comici Hütte. Keine Frage: Das hier ist weder was für schwache Nerven noch für alpine Naivlinge. Selbstüberschätzung? Hier absolut fehl am Platz. Wobei die Herausforderung am Klassiker Langkofel weniger die klettertechnischen Schwierigkeiten darstellen, sondern vielmehr die Kombination aus mehreren Faktoren. So ist nicht nur die Wegfindung trotz Topo wirklich verzwickt. Die Route ist zudem nur spärlich abgesichert – wenn auch dafür sehr gut an den anspruchsvollen Passagen. Dann errechnet der Taschenrechner zwar „lediglich“ 496 Höhenmeter zwischen Toni Demetz Hütte und Hauptgipfel. Allerdings sind es in Wahrheit aufgrund u.a. des tiefer gelegenen Einstiegs in die Route tatsächlich rund 650 Höhenmeter, die zu erklettern sind. Dabei hat man satte 2,2 Kilometer Strecke zurückzulegen – einfach, versteht sich. Und nicht zu vernachlässigen: Man befindet sich ständig über 2.500 Metern Seehöhe. Kurz zusammengefasst: Wenn Du fit, schwindelfrei und trittsicher bist, in der Halle komfortabel im fünften Grad unterwegs bist und Dir einen lokalen Bergführer nimmst, steht einem ungetrübten Bergerlebnis am Langkofel nichts im Wege!

Vom Sellajoch zur Toni Demetz Hütte

Doch zurück auf Anfang. Am Vorabend des Gipfeltages nehmen meine Kletterpartnerin Anja, der Grödner Bergführer Manfred Stuffer und ich vom Sellajoch aus um 16:45 Uhr die letzte Bahn zu der auf 2.685 Metern gelegenen Toni Demetz Hütte. Bereits die Bergfahrt mit der 1963 in Betrieb genommenen, historischen Gondel-Umlaufbahn ist ein Erlebnis: Stehend haben je Kabine maximal zwei Personen Platz. In den eierschalenfarbenen Retro-„Särgen“ geht es in zwölf Minuten zur markanten Langkofelscharte, wo Giovanni Demetz 1954 zu Ehren seines bei einem Blitzschlag am Langkofel verstorbenen Sohns Toni eine Schutzhütte errichtet und damit den idealen Ausgangspunkt für die Besteigung des Grödner Wahrzeichens geschaffen hat. Bei südtiroler Spezialitäten besprechen wir die Route, checken die Ausrüstung und beziehen schließlich unser Nachtquartier. Aufgeregt und voller Vorfreude dauert es ein wenig, bis ich einschlafe. Endlich den Langkofel besteigen – ein Traum eines jeden Alpinisten!

Schritt für Schritt auf den Langkofel

Im Morgengrauen steigen wir um 6:00 Uhr den Weg Nr. 525 von der Toni Demetz Hütte in Richtung Langkofelhütte ab. Nach etwa 15 Minuten und 100 Höhenmetern erreichen wir das Fassaner Band: den Einstieg in den Normalweg. Normalweg heißt ja normalerweise: Der einfachste Weg. Bei dem alpinen Klassiker Langkofel bedeutet der Normalweg ein ernsthaftes alpines Unterfangen für Bergsteiger. Bergwanderer haben hier nichts verloren!
Am „kurzen Seil“ kraxeln wir zunächst über eine Rinne und einige Schuppen sowie eine 20 Meter Wand zur ersten Scharte. Hier steigen wir etwa fünf Meter ab, hangeln uns an einem Fixseil und über Nieschen zur zweiten Scharte, wo das Fassaner Band nach einer Wandstufe (III) endet. Wir kommen gut voran. Über die Reste des Langkofelgletschers führt uns Manfred zu der von mir mit Spannung erwarteten Eisrinne, die heute nur noch selten begangen wird. Kein Wunder: Im Sommer stark ausgearpert und damit steinschlaggefährdet hat die Eisrinne ihren Reiz weitestgehend verloren. Wir wählen die links der Rinne entlang des Grats angelegte Ausweichroute, die gut gesichert feinstes Genussklettern bis III+ bietet. Von der Scharte der Eisrinne steigen wir – inzwischen auf 2.900 Metern – ins Amphitheater ab. Von nun an befinden wir uns auf dem Weg des Erstbesteigers Paul Grohmann (1869). Nach einer Rampe folgt die technische Schlüsselstelle (III+) an einem plattigen Block, bevor es nun anhaltend steil über stufiges Gelände und durch die Führerrinne, vorbei am Pyramidenturm zur Biwackschachtel auf 3.100 Metern geht.

Hier verschnaufen wir kurz, genießen den Ausblick über Seiser Alm und Ritten, bevor wir uns dem sicherlich spektakulärsten Teil der Route widmen: Dem exponierten Gipfelsturm über den Gelben Turm. Exponiert heißt hier: Du kletterst eine III+ in der Vertikalen, während unter dir die Ostwand gefühlt senkrecht über 1.000 Meter in die Tiefe stürzt. Nicht mit Kletterschuhen, sondern mit festen Zustiegsschuhen. Wer die richtigen Griffe und Tritte findet, kann innehalten und die atemberaubenden Tiefblicke auskosten. Ansonsten ist dieser Höhepunkt der Tour ein letzter Kraftakt, den man möglichst schnell hinter sich bringen möchte, bevor man wenig später den Gipfelgrat erreicht.

Wie genial: Wir haben es geschafft! Und ganz ehrlich: Ich bin ganz schön platt. Der Langkofel hat es in sich. Das Panorama, das sich uns von der Marmolada im Südosten bis zum Ortler im Westen bietet, kosten wir bei einer ausgiebigen Jause in aller Ruhe aus und gehen die Route noch einmal in Gedanken durch. Lassen den Berg auf uns wirken. Wie friedlich es hier oben ist. Erst jetzt stellen wir fest, dass wir den ganzen Tag keinen anderen Menschen gesehen haben. Manfred erzählt, dass der Langkofel zwar ein Prestige-Gipfel ist, aufgrund der Länge der Tour und der schwierigen Wegfindung aber vergleichsweise wenig bestiegen wird. Wir packen zusammen und machen noch ein Selfie bevor wir uns gestärkt an den Abstieg machen. Denn auch dieser hat es in sich und dauert zu meinem Erstaunen tatsächlich beinahe genauso lang, wie der Aufstieg. Nochmals ist unsere volle Konzentration gefordert. Nach gut acht Stunden erreichen wir erschöpft und glücklich die Toni Demetz Hütte und stoßen auf unseren Gipfelsieg an.

Belohnung in der Comici Hütte

Gröden wäre nicht Gröden ohne kulinarischen Hochgenuss. Und somit ist unsere Tour noch nicht zu Ende. Unser finales Ziel? Die E. Comici Hütte, bekannt als Gourmet-Hütte, u.a. ausgezeichnet vom Gault Millau mit einer Haube. Und so gestaltet sich unser Auslaufen in Form einer knapp 40-minütigen Wanderung über den Weg 526 vom Sellajoch (2.179 m) durch die „Stadt der Steine“ zu der direkt am Fuße des Langkofel gelegenen Comici Hütte. Auf der Sonnenterrasse belohnen wir uns mit einer Flasche Chardonnay St. Valentin, einer Brennesselsuppe mit Schwarzbrot-Croutons und einer Frischkäse-Terrine sowie einem Entrecote an Bärlauchrisotto und Paccheri mit Steinpilzen. Und lehnen uns zurück und blicken stolz und voller Genugtuung hinauf zum Gelben Turm. Langkofel und Gröden? – Das ist wahrer alpiner Hochgenuss.

Slideshow aller Fotos