Legenden vom Langkofel

Es ist ein Fels – sagt das Kind.
Es ist ein Meisterwerk – sagt der Architekt.
Es ist mein Hausberg – sagt der Einheimische.
Es ist mein Lebensraum – sagt das Edelweiß.
Es ist mein Arbeitsplatz – sagt der Bergführer.
Es ist ein Wunder – sagt das Herz.
Es ist der Langkofel – für jeden Einzelnen etwas ganz Besonde-res. Und doch ist er für viele ein Symbol der Beschaulichkeit, der Mystik, der Berggeschichte und der einprägsamen Eleganz. Der Grödner Hausberg ist von unverkennbarer Schönheit und voll von strotzendem Selbstvertrauen. Natur und Naturverbundenheit bekommen hier eine neue Dimension – der Zauber der ihn umhüllt begeistert und fesselt – den Alpinisten gleichermaßen wie den Tagesgast.

Aus geographischer Sicht erstreckt sich die Langkofelgruppe – so nennt sich das Bergmassiv der westlichen Dolomiten, in dem sich der namensgebende Gipfel befindet – zwischen Gröden und dem oberen Fassatal. Die Grenzen bilden das Sellamassiv im Osten, das Fassa- und das Durontal im Süden, die Hochebene der Seiser Alm im Westen und das Grödental im Norden. Der 3.181 m hohe Langkofel macht zusammen mit dem Langkofeleck etwa die Hälfte des Massivs aus. Der Name „Langkofel“ bedeutet so viel wie „langer Berg“ und hat dieselbe Bedeutung auch im Ladinischen (Saslonch) und im Italienischen (Sassolungo).

Der lange Normalweg führt durch die Südwestwand über den Verbindungsgrat zum Gipfel. Zusammen mit dem Pichl-Weg auf der Nordkante ist die Langkofelbesteigung die beliebteste Klettertour für all jene, die einmal ganz oben stehen möchten. Der Aufstieg ist lang und komplex – der Höhenunterschied mit über 1.000 m beachtlich. Die Langkofelscharte kann hingegen ganz einfach per Stehgondelbahn ab dem Sellajoch erreicht werden. Wanderer lieben außerdem die hochalpine Langkofelumrundung mit einer Gehzeit von etwa 2,5 Stunden und atemberaubenden Panoramen.

Sagenhaft

Legenden vom Langkofel

Die Dolomitensagen kann man irgendwo zwischen Wahrheit und Mythos ansiedeln. Sie wurden meist mündlich überliefert und erst später aufgeschrieben. Sie versuchen, die Formenvielfalt der Landschaft sowie schwer nachvollziehbare Naturphänomene auf anschauliche Weise zu erklären. Oft bedienen sie sich dabei fabelhafter Wesen – meistens verschiedenster Naturgeister – die eine Welt bewohnen, die zwar realitätsbezogen ist aber die Wirklichkeit dennoch übersteigt. Das Ergebnis sind spannende Erzählungen, die aufgrund von realen Ortsangaben erstaunlich wahrhaftig klingen.
Fesselnde Geschichten gibt es auch rund um den Langkofel – einem „König“ im Reich der „Bleichen Berge“.

Der Riese Langkofel

Es war einmal ein Riese, der den Namen Langkofel trug. Nicht selten stibitzte er sich bei seinen ausgedehnten Streifzügen ein Huhn, was die Bauern trotz ihrer Gutmütigkeit zum Zorn trieb. Sprach man ihn auf seine Diebstähle an, wies er alle Schuld von sich und machte die wilden Tiere für den Verlust der Hühner verantwortlich. Es dauerte aber nicht lange, bis man Langkofel auf frischer Tat ertappte. Als dies zum wiederholten Mal geschah und der Langfinger immer noch alle Schuld von sich wies, wurde er zum Hohen Rat der Riesen gerufen, der sogleich ein Urteil fällte. Wie durch einen Zauber versank er augenblicklich in den Erdboden, wo er auch heute noch lebt. Auf Erden erinnert man sich an den Riesen nur noch durch die seine in Richtung Himmel ragende Hand – die Fünffingerspitzen – und durch den Namen eines der wundervollsten Berggipfel der Dolomiten – den Langkofel.

Die Nachtigall vom Langkofel

Vor vielen Jahren stand am Fuße des Langkofels ein prächtiges Schloss, in dem eine Königstocher wohnte. Da sie eine Nachtigall vor einem bösen Habicht gerettet hatte, machte ihr das Vöglein – das wie ein Mensch sprechen konnte – ein Geschenk: Wenn immer es die Prinzessin wollte, konnte sie sich in eine Nachtigall verwandeln. Nur durch einen Todesfall würde diese Vewandlun-gsfähigkeit wieder verschwinden. Noch bevor die Prinzessin etwas sagen konnte, war die Nachtigall schon verschwunden. Sofort probierte die Königstochter ihre neue Fähigkeit aus: Tat-sächlich konnte sie herumfliegen und viele Menschen mit ihrem lieblichen Gesang erfreuen.

Eines Tages erfuhr die Prinzessin von einigen Raben, dass weit entfernt ein einsamer junger Ritter wohnte. Die Nachtigall beschloss, ihn zu suchen. Sie flog über das Grödner Tal und fand schließlich eine halb verfallene Burg samt ihrem einsamen Bewohner. Die Prinzessin beobachtete ihn anfangs schweigend, fing dann aber an zu singen. Der Ritter lau-schte diesem wunderbaren Gesang und war davon sehr angetan. Als die Königstochter in der Gestalt einer Nachtigall fortflog, war der Ritter sehr traurig. Als sie einige Tage später wiederkam, stieg er auf den Turm und hörte ihr neuerlich zu.

Einige Tage später suchte der Ritter einen Salvàn (Waldmen-schen) auf und klagte ihm sein Leid. Er fühle sich stets krank, nur der Gesang einer Nachtigall erfreue ihn noch. Der Salvàn erklärte dem Ritter, dass eine Frau Gewalt über ihn bekommen hatte – in diesem Fall konnte ihm nicht geholfen werden.
Als der Ritter die Nachtigall eines Tages wieder singen hörte, rief er: „Der Salvàn hat recht: Du bist eine Frau!“. Sofort verstum-mte die Königstochter und flog davon. Fortan flog sie nun in anderen Gegenden umher. Der Ritter wartete indes vergeblich auf die Rückkehr der Nachtigall, wurde todunglücklich und zog sich mehr und mehr zurück. Als die Nachtigall schließlich doch zur Burg zurückflog, fand sie den Ritter tot im Hof liegen.

Sie war sich ihrer Mitschuld an seinem Tod bewusst und flog nach Hause. Als sie dort wie immer versuchte, wieder ihre menschli-che Gestalt anzunehmen, gelang es ihr nicht mehr. So kam ihr wieder die Prophezeiung der Nachtigall in den Sinn, die sich nun bewahrheitet hatte: Durch einen Todesfall würde sie ihre Verwandlungsfähigkeit verlieren. So musste die Königstochter fortan als Nachtigall unter den Vögeln in den Wäldern leben. Wenn man in den Grödner Bergen eine Nachtigall hört, die wun-derschön und herzzerreißend singt, dann weiß man: Es ist die verzauberte Königstochter.

Quelle: Karl Felix Wolff – Dolomitensagen,
Tyrolia Verlag, Innsbruck 1989

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